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Interview (Musik)Blättern: Vorheriger Artikel | Nächster Artikel

MONO INC.: Eine Frage des Anstands

Das folgende Interview mit Martin von Mono Inc. ist am 26.10.2018 im Vorfeld des Konzerts in der Turbinenhalle Oberhausen entstanden, ist dann aber im Alltagsstress schlicht "verloren" gegangen. Als wir es nun auf der Festplatte wiederentdeckt haben, war klar: Das sollte auch Euch, den Fans, zugänglich sein. Nach Rücksprache mit Martin wird es nun gute zweieinhalb Jahre später veröffentlicht - bedenkt bitte, dass es damals insbesondere um das seinerzeit noch neue Album Welcome To Hell ging und die Welt sich in der Zwischenzeit in vielerlei Hinsicht verändert hat. Aber vor allem: Habt Spaß beim Lesen!

Otti:
Ihr habt ja dieses Jahr ein neues Album namens Welcome To Hell herausgebracht und dazu gibt es ja jetzt auch die passende Tour. Es ist schon ein bisschen her, im Juli ist das erschienen. Wie waren denn bisher die Reaktionen? Was waren die schönsten, vielleicht auch die unangenehmsten Dinge die Du mitbekommen hast?

Martin:
Also erstmal lese ich keine Rezensionen mehr. Das habe ich mir abgewöhnt. Chris Martin, der Sänger von Coldplay, hat mir mal gesagt, dass wenn sie ein neues Album herausbringen, liest er tausend positive Rezensionen und die tausendunderste ist schlecht. Die einzige Rezension, die bei ihm hängenbleibt, ist die schlechte. Und da habe ich mir überlegt, dass das ganz schön weise ist. Also natürlich, wenn ich jetzt irgendwann mal zufällig bei Facebook über irgendwelche Meinungen stolpere, kann ich nicht alle wegscrollen, aber eigentlich... Es macht keinen Sinn, Rezensionen zu lesen, denn Geschmack ist nicht greifbar. Geschmäcker sind unterschiedlich, also verlasse ich mich seit einigen Jahren darauf, dass wenn mir die Platte gefällt, gibt es da draußen auch ein paar andere, denen die Platte gefällt. In der Songwritingphase ist es bei mir so, dass ich am Klavier sitze oder an der Akustikgitarre und vor mich hinspiele, und in dem Moment, wo ich merke, dass ich so eine kleine Träne im Auge habe und es mich wirklich berührt, dann hat es die Qualität aufs Album zu kommen. Das ist ein relativ sicherer Indikator mittlerweile. Nicht umsonst werden die Platten immer erfolgreicher.

Martin Engler | Mono Inc.
"Auf Facebook kotzt sich jeder aus, das Speiwerk der Nation."

Otti:
Platz 4 der Charts, wenn ich mich recht entsinne?

Martin:
Platz 2 sogar.

Otti:
Oh. Wobei es heutzutage noch ein bisschen einfacher ist in die Charts zu kommen, als vor 20 Jahren, oder?

Martin:
Ja natürlich ist es so. In der Woche nach uns haben andere Kollegen veröffentlicht. Die haben ein Achtel verkauft, von dem was wir verkauft haben und waren damit auch auf Platz 6. Also es ist dann auch eine extreme Glückssache, wer in der gleichen Woche mit veröffentlicht. Bei uns sah alles relativ lange danach aus, dass es auf Platz 1 geht und dann kam ein Deutschrapper, dann bist Du chancenlos mit Szenemucke. Weil wir nicht asi sind, Rapper mit ihren frauenfeindlichen und gewaltverherrlichenden Texten... wisst Ihr ja alles, ist ja nicht mal mehr guter Rap, ist ja nur noch doof.

Otti:
Meiner Meinung nach ist es zumindest positiv zu sehen, dass immer mehr Gothic, Metal und die ganzen Bands überhaupt in den Charts vertreten sind, weil die Leute aus dieser Szene überhaupt noch Alben kaufen.

Martin:
Es sind aber auch 2018 schon 20% weniger die Alben kaufen als 2017. Also, Spotify ist halt das neue Ding, aber auch da misst die Plattenfirma sehr genau nach.

Otti:
Da kommt bei Euch als Musiker glaube ich nicht soviel an, oder?

Martin:
Da kann ich Dir ehrlich gesagt nichts zu sagen.

Otti:
Wobei Ihr ja das Glück habt, eine eigene Plattenfirma zu haben.

Martin:
*** Ja, allerdings ist es so, dass ich seit 2012 gar nicht mehr im Büro aktiv bin. Ich bin da komplett raus, ich mache nur noch Musik.

Otti:
Das ist ein Luxus, den man sich dann auch gönnen soll.

Martin:
Ja, es ist ein Luxus. es klingt so wie "er macht nur noch Musik und hängt nur am Strand rum", aber ich bin vier Monate des Jahres am Strand und acht Monate des Jahres, wenn ich zuhause oder auf Tour bin, arbeite ich auch jeden Tag. Es gibt keine Sonntage, es gibt keinen freien Tag. Z.B. hatten wir diese grandiose Idee, eine Symphonic Tour zu beginnen, im Frühjahr 2019 mit dem Orchester. Die Orchesterproben waren aber nur jetzt vor dieser Tour möglich. Wir haben also eigentlich diese Tour vorbereitet bis Anfang Oktober, und die letzten zwei Wochen vor dieser Tour haben wir für die nächste Tour geprobt.

Otti:
Dann noch das Familienleben.

Martin:
Ja, die halten mich auf Trab.

Otti:
Das ist auch schön, wenn man es heutzutage miteinander verbinden kann.

Martin:
Also ich habe das extrem privilegierte Leben, dass ich mich nie von meiner Familie trennen muss. Wir haben einen großen Nightliner, der ausgebaut ist mit Spielzimmer, Kinderzimmer, also das ist das Ergebnis und ich habe sie halt immer dabei.

Otti:
Es ist ja so, dass Schandmaul nächsten Monat ihr 20-jähriges feiern und haben mal ein bisschen damit kokettiert, dass sie die fruchtbarste Band Deutschlands wären, weil die ganze Zeit die Kinder mit dabei wären... Apropos: Ich finde, dass das Album einen sehr starken Folkeinschlag bekommen hat. Ist das nur eine subjektive Wahrnehmung oder war das so beabsichtigt?

Martin:
Es war nichts geplant, aber es ergeben sich immer irgendwelche Dinge, eins greift ins andere und ich habe eine Flöte eingesetzt und eine singende Geige für das Intro und habe mir gedacht "ok, das passt wunderbar". Das Album spielt nunmal auch zu Pestzeiten. Es geht auch um die Rattenfänger. Da gab es halt damals keine Gitarren, da wurden die Instrumente eingesetzt die da waren. So habe ich in dieser ganzen Sound-Welt von Mono Inc. die traditionellen Instrumente aus Pestzeiten unterbringen müssen. Es ist ein Konzeptalbum, was eben auch dann danach schreit, dass man es auch hört und spürt.

Otti:
Es ist dann wahrscheinlich auch schwer die ganzen Instrumente auf die Bühne zu bringen, oder?

Martin:
Ich habe die Flöte kennengelernt, eines der wenigen Instrumente die ich beherrsche. Manches ist halt nicht da, aber die Leute kennen die Lieder, haben das vorher alles konsumiert, also das heißt, es wird sicherlich in den Köpfen einfach dazugespielt. Erics Flöte bei A Vagabond´s Life zum Beispiel, die ist dann halt nicht da. Eric ist auch nicht da, überraschenderweise (lächelt), das ist dann halt so.

Otti:
Das könnte man doch mal auf einem Festival machen, einen Auftritt.

Martin:
Ja, da ist auch was geplant...

Otti:
Oder z.B. mit Children Of The Dark hattet Ihr damals auch eine Kooperation mit mehreren Künstlern, und es gab den ein oder anderen Auftritt, wo dann mal einer von den Leuten dabei war. Aber alle auf eine Bühne zu bekommen ist doch schwierig.

Martin:
Ja, wir haben das schon einmal probiert, das ist dann aber an den Terminplänen gescheitert, weil immer alle gleichzeitig touren, aber Joachim Witt war bei der letzten Tour als Special Guest immer dabei, als Überraschungsgast, oder Lotto King Karl, Chris Harms, oder die ganzen Lord of the Lost, also da muss man immer mal spontan schauen wer ist gerade wo. Aber es gibt auch auf dieser Tour Überraschungen.

Otti:
Generell, wenn Du auf die Schaffensweise des Albums zurückblickst, was waren für Dich die besondersten Momente? Also auch - wie Du schon sagtest - was die Themenwahl angeht.

Martin:
Hm, die besondersten Momente. Also erstmal war die Herangehensweise sehr spannend. Und zwar habe ich mich bei den Recherchen zu dem Vorgängeralbum Together Till The End durch Hamburgs Museen geschleust, ich habe sehr viel gelesen über 1722 und bin dann schon über die Pest gestolpert. Ich war schon immer so an Geschichte, Historik interessiert. Ich habe mich dann belesen, wie es damals war, in den Krankenhäusern. Kennst Du in Hamburg noch das Gängeviertel? Viertel ist übertrieben, es heißt aber so. Wo halt noch zwei Straßen genauso sind wie vor 300 Jahren. Wo man durchgeht und die Balken sieht, und denkt "was die alles schon gesehen haben" So bin ich jedenfalls bei den Recherchen zu Together Till The End über die Pest gestolpert und habe dann gesagt, das ist ein Thema für uns. Das letzte Album war ja mit viel Seefahrerromantik und Aufbruch, mit beginnender Flüchtlingskrise, als die über das Mittelmeer kamen, das war ja damals Thema. Das mit der Pest würden wir dann beim nächsten Mal machen, war die Idee. Das heißt, ich wusste schon ziemlich früh worum es gehen sollte und hatte noch nicht einen einzigen Song geschrieben. Ich bin nach England geflogen und habe mich mit einem Maskenbildner getroffen, der diese historischen Pestmasken noch original herstellt und habe die Masken mit Pesthut usw. mitgenommen. Ich habe mich dann einfach mal inspirieren lassen und es kam dann nach meinem Empfinden das bisher sperrigste Mono Inc. Album heraus.

Otti:
Weshalb sperrig?

Martin:
Es war halt kein Get Some Sleep, kein Voices Of Doom, kein In My Heart dabei. Ich habe mir dann gedacht, "ok, dann ist es mal ein Album ohne Tanzflächenfüller, egal". Children Of The Dark zum Beispiel war ein Welthit, bzw. ist ein Welthit, lustigerweise.

Otti:
Tatsächlich, hat es sich so weit verbreitet?

Martin:
Ja, also Ronan kam gerade aus den USA zurück und meinte, "Alter, das glaubst Du nicht: Egal wo ich war, ich wurde gefragt: ´Würdest Du Children Of The Dark´ auflegen"?

Otti:
Ich kann es absolut verstehen, wenn ich es ab und an mal höre, es vereint auch alle die ich mag oder eher gesagt, alle die dort mitmachen haben irgendeine Bedeutung für mich. Eins meiner ersten Interviews damals war mit Joachim Witt. Lacrimosa,haben mich immer inspiriert, mit Lord Of The Lost habe ich so viele schöne Konzerte erlebt, seit es Euch gibt gehört Ihr auch immer schon zu den Highlights.

Martin:
Das war dann auch gut, so wie es war. Das kannst Du nicht planen, kannst Du nicht wiederholen, versuche es gar nicht. Weil sonst wäre es so Modern Talking-mäßig, das sechste Cherry Cherry Lady und das wollte ich nicht. Ich habe gesagt "ok, dann mache ich mich von allem frei, wir machen einfach was ganz Neues". Wir fangen nicht mit einem Gassenhauer an, sondern der erste Song ist schon einmal ohne Schlagzeug. Deswegen meine ich sperrig.

Otti:
Es gibt an manchen Stellen durchaus auch mal die ein oder andere Disharmonie, die gut platziert ist.

Martin:
Ja, und das kann man sich auch einfach mal leisten. Lustigerweise ist es das "geilste" Album der Bandgeschichte.

Otti:
Es basiert ja auch auf der ganzen Arbeit, die Ihr im Laufe der Jahre geleistet habt. Was ich bei Euch immer bewundert habe, Ihr habt Euch wirklich hochgearbeitet. Es gibt ja viele, die werden von irgendeiner Plattenfirma gepusht oder sonst irgendwas. Euch hat man am Nachmittag auf den kleinen Festivals gesehen, da habt Ihr gespielt, Ihr habt alles mitgenommen, Euch den "Arsch wundgearbeitet". Ein eigenes Label - man weiß ja auch, dass da viel Liebe dahintersteckt - dann ist es auch so schön, wenn es gewachsen ist, dass Ihr jetzt auf einigen Festivals schon als Headliner spielen könnt. Das ist bewundernswert und die Hallen sind auch größer geworden.

Martin:
Ja, das ist wirklich so. Es ist eigentlich auch eine Genugtuung dabei, ich erzähle die Geschichte auch heute Abend, also jeden Abend, auf unserer Tour, weil es einfach schön ist. Wir haben vor 15 Jahren unsere ersten Demos verschickt, voller Euphorie und mit Enthusiasmus, und alle Plattenfirmen hatten es abgelehnt, unter anderem Sony Music. Der damalige A&R hatte geschrieben, es ist nicht zeitgemäß, außerdem ist die Band zu alt. Dieser A&R wurde später Präsident von Sony Music. Wie der Zufall es so will, wohnt er jetzt vier Häuser weiter von mir. Als wir mit der Veröffentlichung in die Charts reinkamen, hatte ich einen Brief im Briefkasten, wo er geschrieben hat: "Ich freue mich tierisch für Euch, Mensch war ich blöd, Euer Heinz...". Also das ist ja... da kriege ich Gänsehaut!!

Otti:
Was mir noch aufgefallen ist, z.B. auf dem Amphi Festival, Du kümmerst Dich immer um Minderheiten. Auch Leute, die im Rollstuhl sitzen, die sich bei den meisten Konzerten auch ein bisschen im Abseits befinden und kaum Sicht auf die Bühne haben. Warum setzt Du Dich mehr ein, als vielleicht so manch anderer?

Martin:
Es ist Fluch und Segen. Ich bin Sternzeichen Waage und Gerechtigkeit ist für mich alles. Außerdem bin ich nicht ganz blöd und ich finde den Werteverfall in unserer Gesellschaft ganz übel, der macht mich fertig. Nicht ein bisschen fertig, sondern es nimmt mir manchmal die Kraft zu atmen. Ich habe ein tolles Leben, ich habe ein Haus, ein Auto und eine gesunde Familie und so, aber Du guckst Dich um und überall in der Welt ist nur Scheiße. Du kannst ja eigentlich auch nirgendwo mehr hinfahren. Es ist alles korrupt usw., und anstatt, dass wir kleinen Leute zusammenhalten und aufbegehren gegen Seehofer und Erdogan und Trump und wie die nicht alle heißen, anstatt, dass wir zusammenhalten und denen die Hölle heiß machen, wird hier auch noch unter uns gedisst, gemobbt. Auf Facebook kotzt sich jeder aus, das Speiwerk der Nation. Es macht mich fertig, es ist traurig. Traurig und wütend und frustrierend. Wenn ich dann in einer Konzerthalle sehe, dass da ein behinderter Mensch im Rollstuhl sitzt: Warum hast Du nicht den Anstand, als gesunder Mensch, einen Meter zur Seite zu gehen? Das verstehe ich nicht. Und darum geht es. Ich kann da nicht aus meiner Haut. Es gibt viele Leute, mit denen ich manchmal gerne tauschen würde. Die sind nicht so sensibel. Ich sage unter uns eigentlich immer gerne "No brain, no pain". Aber ich kann da halt nicht aus meiner Haut, würde ich manchmal gerne, aber es geht nicht.

Otti:
Vielen Dank, das war ein sehr schönes Interview.

mono-inc.com

Art des Interviews: face2face
16.06.2021 by Otti
MONO INC. in unserer Band- und Künstlerdatenbank

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